das schaaf und der berg des todes

Tapfer beginne ich von vorne, weiter und weiter und immer weiter, ich bin schon voll auf Schnappatmung als ich an der Stelle ankomme, an der der Schatten aufgegeben hat. Ich bin neidisch, ich hab auch keine Lust mehr. Na ja, immer von einer Straßenlaterne zur nächsten. Ich tapse voran, über den Fluss, ohne auf den schneebedeckten Steinen auszurutschen, immer den Fuchsspuren nach, der kennt bestimmt den Weg. Steil bergauf stapfe ich durch den Schnee.

Der Himmel erstrahlt in einem wunderschönen Blau, die Sonne scheint gülden zwischen den schneebedeckten Bäumen, Spiele von Licht und Schatten… schon echt schön hier.

Ich mache ein paar Fotos, warte bis ich wieder ein bisschen Luft bekomme und gehe weiter.

Und weiter,

und weiter,

und weiter,

Schneewolken fallen von den Bäumen,

und weiter,

und weiter,

und weiter,

Marcel mit seinen Aufträgen,

und weiter,

und weiter,

und weiter,

viel Spaß hat er noch gesagt,

und weiter,

und weiter,

und weiter,

scheiß bekackter Berg,

und weiter,

und weiter,

und weiter…

Ich brülle den Berg an das er mir am Arsch vorbei geht, dann wird mir schwindelig, weil ich meine letzte Luft verbraucht habe. Was für ein Armleuchter hat eigentlich alpines Wandern erfunden? Elende Schinderei. Und die scheiß Aussicht kann man auch nicht genießen, weil man die ganze Zeit ums Überleben kämpft, und dann geht man hoch und hoch und hoch und dann wieder runter, wie bekloppt ist das eigentlich?

Bei Herr der Ringe hatten die wenigstens einen guten Grund. Und ich? Ich bin total am Ende, weiß nie ob ich auf dem Weg oder irgendwo anders bin. Es ist so steil, dass ich immer öfter hinfalle, weil die Stöcke keinen Halt finden. Dabei ist der Clou nach vorne zu fallen, damit man nicht rückwärts runterpurzelt. Der Schnee geht mir mittlerweile bis zu den Knien, jeder Schritt ist der Horror, ich höre nichts außer meinem Stöhnen, wie ne Tennisspielerin, wenn ich versuche mich den rutschigen Abhang hochzuziehen. Viel Spaß, viel Spaß…hrrrrrrr…. Ohne die Stöcke würde ich keinen Meter weit kommen. Manchmal erspüre ich sogar Tritte unter dem Schnee, das ist dann wie Weihnachten.

Ich fluche vor mich hin, bin sauer, blöde kackscheiße! Marcel hat mich hier bestimmt hochgeschickt um mich loszuwerden. Ich denke an mein Koan, sage es zwei mal vor mich hin, der blöde Schüler mit seiner doofen Frage, hätte der einfach mal die Klappe gehalten. Ob ich das Koan lösen kann, wenn ich am Gipfelkreuz ankomme? Ob ich deswegen hier hochgehen soll? Keine Ahnung.

Deborah hat gesagt von oben hat man eine wunderschöne Aussicht. Aussicht, Aussicht, da guckt man einmal und dann geht man wieder, dafür der ganze Kampf? Ich teile dem Berg schreiend mit das er sich seine verschissene Aussicht in seinen dreckigen Arsch stecken kann. Hrrr… Meine Hose ist bis zu den Knien nass und die Bäume bewerfen mich dauernd mit Schnee.

Irgendwann hört der Wald auf, weiter hinten stehen ein paar Hütten. Marcel meinte an denen kommen wir vorbei, na da bin ich ja wohl immerhin auf dem Weg. Neu motiviert stapfe ich vorwärts und denke mir noch, dass ich jetzt mal einen Gang zulege, da breche ich direkt in den Schnee, der mir auf diesem Abschnitt bis zur Hüfte geht. Echt jetzt?

Alle paar Schritte falle ich hin und dann schaut nur mein Kopf raus, ich überlege das es wirklich langsam reicht und ich umdrehen sollte, wenn der Schnee noch tiefer wird.

Weiter, weiter, weiter, an den Hütten vorbei.

Weiter, weiter, weiter, dann sehe ich das Kreuz in der Ferne, das Ziel. Ihr wollt mich doch verarschen, also da ist ja mal gar kein Weg mehr. Ich gehe jetzt noch bis zur nächsten Hütte, dann mach ich ne Essenspause und gehe wieder!

Hmm, so kurz vorm Ziel? Kurz? Nee, so kurz ist es gar nicht, das täuscht! Außerdem ist es ja wohl die mega Leistung überhaupt so weit gekommen zu sein. Dieses Erreichen… voll das Leistungsgesellschaftsding, da sollte man sich bewusst von distanzieren!

Der eisige Wind torpediert mich mit Schneeböen, aus dieser Perspektive war es im Wald gar nicht so schlimm. Die Hütte liegt im Schatten, es ist bitterkalt. Kurz darauf bin ich auch schon vorbeigegangen. Der Weg ist nun nicht mehr so steil. Auf einmal trete ich auf vereisten Schnee ohne einzusinken. Hahaaaaaaa wie cool, so macht gehen Spaß! Nach 5 Schritten sinke ich wieder bis über die Knie ein und es haut mich erstmal hin. Toll.

Ich stapfe weiter und komme tatsächlich an den Punkt wo ich gar nichts mehr denke. Schritt für Schritt bahne ich mir den Weg durch Schnee und Wind, der letzte Abschnitt ist vollkommen ungeschützt und ich komme halb im Delirium am Kreuz an.

Da ist sie, die Bank wo wir angeblich so toll Mittagspause machen können. Die vereiste Bank, die ungeschützte Bank. Ich hole die Thermoskanne und mein Brot raus und setze mich auf den Rucksack. Der Wind ist so stark das die Kanne umgepustet wird und meine nasse Hose direkt vereist.

Ich ziehe die ebenfalls vereisten Handschuhe aus und trinke den heißen Tee. Ja, doch, die Aussicht ist echt toll. Ich schaue mir die minikleinen Häuschen und Autos an, man kann sie kaum erkennen. Wie unwichtig alles ist.

Ich denke kurz über mein Koan nach, beiße einmal vom Brot ab und merke das ich schon völlig ausgekühlt bin. Die Sonne scheint, aber der Wind lässt ihre Wärme nicht durch. Mit steifen Fingern versuche ich die Schneeschuhe anzuziehen, Marcel hat gesagt das ist dann lustig mit den Dingern.

So, Rückweg. Ich bin total fertig und kraftlos, meine Spuren sind schon wieder vom Winde verweht. Ich bin etwas desorientiert, stapfe einfach mal drauf los. Mit den Schneeschuhen sinkt man genauso ein wie ohne, Skier wären jetzt cool, ständig falle ich hin und kämpfe mich mühsam wieder hoch. Als ich zu dem hüfthoch-Einsink-Abschnitt komme kotze ich richtig, komme kaum wieder auf die Beine. Blöde Schneeschuhe. Meine Arme brennen von den mühsamen Versuchen mich an den Stücken hochzuziehen

Als ich wieder im Wald bin wird es besser, ich komme mit den Dingern tatsächlich recht schnell voran, bin aber so kraftlos das ich ständig stolpere weil ich die Füße kaum noch anheben kann. Da der Weg sehr schmal ist muss ich aufpassen beim Stürzen nicht den Abhang runterzupurzeln, oder wäre das eine gute Abkürzung? Egal, stolpernd presche ich voran und dann geht es wirklich recht schnell. Bald bin ich schon am Fluss und fange an mich auf ein heißes Bad zu freuen. Ich gehe noch am Bus vorbei und hole mir eine Flasche Prosecco. Dann stehe ich auch schon auf wackligen Beinen vorm Haus. Statt einem jubelnden Empfangskomitee erwartet mich ein kalter Ofen und eine verwüstete Küche. Ich räume auf, mache Feuer und fange ein entlaufenes Huhn ein.

Dann kommt die Badewanne, während meine gefrorenen Glieder auftauen überlege ich anschließend noch ne Runde zu meditieren, doch als ich aufstehe bin ich so müde, dass ich mich einfach nur ins Bett schleppe und langsam wegdämmere, während ich in meinem Kopfradio „when it rains“ von den Builders&Butchers höre.

…and the highest mountain,

it couldn‘t keep me from climbing…

 

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