ein mühsamer weg

Nachdem mich Nico früh morgens aus Schwanden abgeholt hat lerne ich seine Frau Sanghee bei einem wunderbaren Frühstück kennen. Während ich mich langsam abfahrbereit mache kommen wir auf das Thema Zen-Tempel, der ist quasi um die Ecke. Ich komme ins grübeln, zurück nach Deutschland oder zum Tempel?

Es gibt ja keine Zufälle und das ich nach einem Ort suche, an dem ich mal ganz zur Ruhe kommen kann und hier direkt ein Tempel ist… auf der Internetseite stehen Preise, ein Tag kostet mehr als ein Hotelzimmer… und mehr als ich für eine Woche zum Leben habe. Und seit wann gibt es für Tempel Preislisten? Okay, ich bin raus.

Nico blubbert mich voll ich soll doch wenigstens mal vorbeifahren und das es nicht schlimm sei, wenn ich das Geld nicht habe. Nach vielem hin und her beschließe ich einfach mal auf einen Kaffee vorbeizuschauen, auf der Internetseite steht das kann man machen.

Eine knappe Stunde später kämpft sich Appa eine schmale gewundene Bergstraße hoch, zum Glück liegt kaum Schnee, es ist Tauwetter. Als ich schließlich durch ein Waldstück fahre liegt auf einmal fett Schnee und ich merke, dass ich schon recht hoch bin, ob da noch ein Tempel kommt? Ich halte kurz an und schaue aufs Navi, es ist verwirrt, na da sind wir ja schon zwei. Da ich auf dieser einspurigen Straße zwischen Abgrund und Felswand ohnehin nicht wenden kann fahre ich weiter, naja, ich versuche es wenigstens. Denn während ich Gas gebe rutscht Appa nur rückwärts den Berg runter.

Damn, das ist nicht gut. Ich bleibe ruhig, Panik hilft ja keinem was, schaffe es immerhin anzuhalten und versuche nun irgendwie vorwärts zu kommen. Vor – zurück – vor – zurück… als ich mich schließlich in einer erneuten rückwärtigen Rutschpartie wiederfinde bei der ich, gefangen in einer vereisten Spur, dem Abgrund doch recht nahe komme wird es mir doch ziemlich mulmig.

Ich versuche auszusteigen, doch es ist so rutschig, dass ich mich nur am Lenkrad festkrallen und wieder ins Auto ziehen kann, fast wäre ich den Abhang runtergepurzelt. Scheißescheißescheiße!

Ich drehe mir mit zitternden Händen eine Zigarette und versuche die Möglichkeiten abzuwägen. Das ist leicht, es bleibt nur rückwärts die vereisten Serpentine runterzufahren.

Die aufsteigende Panik schickt mir Bilder von von Appa wie er in Seitenlage den Hang wie ein riesiger Schlitten runterrutscht und schließlich an einem Baum hängen bleibt, ich hätte die Tischplatte besser sichern sollen, die donnert mir dabei bestimmt an den Kopf. Ich schätze meine Chancen so auf 50/50, also wenn ich jetzt echt sterbe… wie ärgerlich und das in meinem freien Jahr… das wäre doch ungerecht. Andererseits… um einiges besser als im Hamsterrad, immerhin habe ich meine letzte Zeit genutzt… Es ist wie es ist, denke ich und versuche mich mit meinem eventuellen Tod abzufinden. Ein Kapitän geht mit seinem Schiff unter, fällt mir ein. Diese Regel gab es, weil das Schiff für einen Kapitän seine gesamte Lebensgrundlage dargestellt hat und er ohne kaum Überlebenschancen gehabt hätte. Appa ist ja auch irgendwie alles was ich habe. Ich finde den Gedanken ganz romantisch, wenn wir untergehen, dann gemeinsam.

Ich schreibe Jule das ich sie lieb habe und rufe Nico an, da er sich ggf. um die Rückführung unserer Leichen kümmern muss. Er befielt mir stehen zu bleiben und sagt er schickt jemanden… das beruhigt mich etwas, auch wenn ich nicht weiß, wie man mir helfen soll. Mich den Berg runterziehen?

Ich muss irgendetwas machen, beginne schon mal den „Abstieg“, zentimeterweise taste ich mich den Berg runter, halte immer wieder an um mich zu vergewissern das ich nicht rutsche und versuche dabei aus der Spur heraus, möglichst nah an die Wand und möglichst weg vom Abgrund zu kommen.

Ein paar Meter schaffe ich, dann findet mich der Zen Mönch, der den Tempel gegründet hat. Seine ruhige Ausstrahlung beruhigt mich etwas. Sachlich stellt er fest, dass ich wenden muss – ich schaue ihn verstört an. Bitte was?

Mit etwas Anlauf schaffe ich es bis zu einer minimalen Einbuchtung zu kommen, dann kommt ewiges rangieren, cm um cm bis ich immerhin schon mal quer auf der Straße stehe, direkt vor mir der Abgrund, ich schwitze. Mit Marcels Hilfe gelingt das Unmögliche, vor bis zum Abgrund, zurück bis es wumms macht. 10 cm vor, 10 cm zurück… Ich sterbe 1000 Tode aber schließlich ist es vollbracht, im ersten Gang schleiche ich den Berg runter und erreiche unbeschadet den Parkplatz. An der Stoßstange klebt noch ein Stück Schweiz. Ich bin total Gaga und denke die ganze Zeit nur „ichlebeichlebeichlebe“, nur mit Mühe kann ich mich zurückhalten Marcel um den Hals zu fallen, keine Ahnung ob man Mönche einfach so knuddeln darf.

Vom Weg zum Tempel bekomme ich kaum etwas mit, dann sitze ich schon in der Küche und bekomme etwas zu Essen. Mein Adrenalinspiegel sinkt langsam und der Zen Mönch erzählt mir etwas über den Tempel und das Leben dort. Was er erzählt hört sich gut an und es ist auch in Ordnung, wenn ich gebe was ich habe. Ich fühle mich auf Anhieb wohl und beschließe ein paar Tage zu bleiben.

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