ein neuheimatsentschluss gerät ins wanken

Hach ja, da denkt man mal alles ist in trockenen Tüchern…

Vor einiger Zeit hatte ich ja ein erfolgreiches  “Vorstellungsgespräch” ( http://einschaafbrichtaus.de/lieblings-empels-und-zukunftsplanung/ ) , so man es denn so nennen kann. Das Beste daran – endlich Ruhe vor diesem Bürokratie-Hickhack und lieber volle Konzentration auf die sinnvolle Nutzung der Reisezeit.

Zugegebenermaßen habe ich mich etwas auf der Bequemlichkeit einer getroffenen Entscheidung ausgeruht… ich meine so schön es auch ist, brüllend mit einer Stellenzusage begrüßt zu werden und dieses leidige Thema endlich ad acta legen zu können, so seltsam ist es doch auch, wenn der zukünftige Chef überhaupt kein Interesse an den Eigenschaften seines zukünftigen Angestellten hat. Okay, er konnte meinem liebevoll von den Empels in Form gebrachten Lebenslauf natürlich die zahlreichen kompetenzstrotzenden Vorzüge meiner Arbeiterpersönlichkeit ;-P entnehmen… Ich fand es jedoch trotzdem schade, dass überhaupt kein Austausch stattgefunden hat und ich die ganzen Denkerei-Ergebnisse zu meinen Eigenschaften, Schwerpunkten und Arbeitsweisen einfach unausgesprochen entsorgen konnte. Es war halt schon klar, dass eher um die rasche Besetzung einer Stelle als um mich, die als Person für diese Stelle als besonders geeignet erscheint, ging. Ebenso wurde schon hier und da subtil angedeutet, dass die Chefetage “etwas schwierig” sei, man ja aber in der Regel nicht viel mit ihnen zu schaffen habe… das wiederum habe ich nicht mal richtig wahrgenommen – passte nicht ins Konzept.

Da seit diesem dubiosen Vorstellungsgespräch ja schon einige Zeit vergangen ist und sich mein freies Jahr so langsam dem Ende neigt beschließe ich, dass es an der Zeit ist mich mal zu kümmern. Ich in doch ziemlich aufgeregt, hoffentlich wissen die noch wer ich bin. Außerdem wird mir doch etwas flau im Magen, wenn ich daran denke wieder zu arbeiten… dort zu arbeiten… in diesem riesigen Betrieb… so ganz anders als zuvor… Ach, was solls, das ist doch ganz normal wenn man irgendwo neu ist, oder?

Ich bin grad mit dem Süßbär bei Onkel Stevie und genieße ein reichhaltiges English Breakfast. Dann wird es ernst und ich nehme mit zitternden Fingern das Telefon zur Hand. Ich komme direkt durch und mir wird freudig bestätigt, dass man fest mit mir rechnet. “Okay… äääh… wollen wir uns dann nicht mal zusammensetzen? So wegen Formalitäten und Planung… und so…?” “Keine schlechte Idee” findet die  Stimme am Telefon und wir machen einen Termin aus an dem ich den Chef treffen soll.

Puh, na das war ja leicht. Stevie macht ne Pulle Sekt auf und wir feiern. Dann geht es in die Stadt und wir stolpern in einem Second-Hand-Laden über Steckenpferde. Eines ist sogar ein Einhorn – das kann kein Zufall sein! Wir decken uns also ein und galoppieren beschwingt durch die frühlingssonnenbeschienene Großstadt. Irgendwas zwickt mich… schon wieder schade, dass ich die bin, die das Interesse äußert… immerhin gibt es viele mögliche Einsatzgebiete… was sie wohl mit mir vorhaben? Aaaaaach… das wird schon, erst mal das Gespräch abwarten.

Ein paar Tage später ist es soweit. Ich bin auf dem Weg zum Kindergarten, den Süßbären abliefern, und dann auf zur neuen Arbeitsstelle. Das gut gelaunte Kind, mit dem ich einen lustigen Morgen verbracht habe mutiert innerhalb weniger Minuten Autofahrt zu einem fiebernden Häufchen Elend. Ach du je… so kann ich das Würmchen doch nicht alleine lassen… ich beschließe ihn einfach mitzunehmen. Was solls, falls der Chef für so etwas kein Verständnis hat will ich da eh nicht arbeiten. Ein Kind im Delirium auf dem Arm tragend, betrete ich einige Zeit später das Gebäude, in dem ich wohl bald arbeite… urgs… ich weiß ja nicht…

Im Büro empfängt uns das Vize-Huhn mit einem feuchten laschen Händeschütteln. Das Kind schaut kurz auf, sagt “Huhn” und fällt wieder ins Delirium. Das Huhn tänzelt Pirouetten drehend durch das Büro und wirft dabei in einer dramatischen Einlage seinen seidenen Schal über die Schulter… ich bekomme direkt Kopfkino und sehe mir vor meinem geistigen Auge seinen Monolog über die widrigen Umstände, die es und die künstlerische Entfaltung seiner unbegrenzten Talente dazu zwangen in diesem Laden zu landen, und das, wo es doch auf den größten Bühnen der Welt zu Hause sein könnte um sein Talent mit einem ekstatischen Publikum zu teilen… wenn da mal jemand seine Fähigkeiten wahrnehmen würde und den Mut auf brächte ihn zu fördern, um die Welt des Theaters für immer zu revolutionieren…

Mühsam finde ich meinen Fokus wieder, es gibt immerhin wichtiges zu besprechen. Das Beisein des Kindes stört das Huhn immerhin nicht. Meine Einsatzgebiete und der Wunsch nach einer reduzierten Arbeitszeit stehen auf dem Plan. Ersteres tut es rasch ab, indem es sich einige Notizen zu meinen Wünschen macht. Bezüglich der Stundenreduzierung biete ich direkt an, meinem Arbeitgeber mit einigen Stunden entgegenzukommen, ich bin ja nett und kompromissbereit. Das sei üüüüberhaupt nicht nötig, betont es, immerhin müsse die Kinderbetreuung ja gesichert sein. Äh… nee, das ist gar nicht mein Kind… die Aussage “Kind von meiner Freundin” scheint missverständlich zu sein. Als ehrlicher Mensch stelle ich das natürlich sofort richtig. Das Huhn nimmt dies sogleich zum Anlass sein zugewandtes Verhalten zugunsten einer wilden Gockelei (wie man sie nur aus einem Hühnerstall, in den man schreiend hineinrennt, kennt) anzupassen. Verstört fragt es, warum ich denn dann Stunden reduzieren wolle, ob ich denn sterbende Verwandte hätte. “Nee, die hab ich Gott sei dank nicht zu bieten, ich möchte nur mehr Zeit für schöne Dinge außerhalb der Arbeit haben.” Das gefällt ihm gar nicht, wild mit den Armen fuchtelnd versucht es mir zu erklären, dass ihm so etwas skurriles noch  niemalsnie untergekommen sei.

“Also, da gibt es ja dann gar keinen Anlass für, so ohne Kind und sterbende Verwandte…”

“Neee, das ist ja… warum sollte man… so völlig grundlos… völlig unnachvollziehbar… Sodom und Gomorrha…”

Er läuft rot an und schnappt nach Luft.

“Also, nein, nein wirklich, unter keinen Umständen würde ich dem zustimmen, so völlig ohne Grund!”

“Und sowieso, so etwas ist gar nicht möglich! Das ist laut Vorgaben gar nicht erlaubt, gar nicht vorgesehen, völlig ausgeschlossen.”

Ich glotze ihn verstört an und versuche das Huhn auf die meinem Berufsfeld innewohnenden strukturellen Gegebenheiten, die dies durchaus zulassen und des weiteren sogar, bei logischer Betrachtung, in Bezug auf die vorliegenden bewilligten Formalitäten als manifest eingestuft werden müssten, aufmerksam zu machen. Davon will es jedoch nichts wissen und auch nichts hören. Fortwährend erklärt es mir, dass so etwas wie gesagt ja unter überhaupt keinen Umständen rechtlich möglich sei und selbst wenn, sie hier “so etwas” schon mal gar nicht machen würden und sowieso es zu guter Letzt auch niemals sein Einverständnis zu “so etwas” geben würde.

Ich bin etwas perplex und komme mir vor wie die Zerstörerin der Welten höchstpersönlich. Außerdem habe Sorge, dass das Huhn gleich einen Herzinfarkt erleidet und ich dann mit meinen verrückten subversiven Revoluzzerideen dafür verantwortlich bin… und außerdem wohl auch kurz davor, das gesamte Gesellschaftssystem aus den Angeln zu heben und Chaos über die Welt zu bringen. Dabei will ich doch nur ein paar Stunden reduzieren…

Nun ja, wenn das so ist… da kann ich wohl nichts machen. Immerhin will er sich um einen Vertrag kümmern… etwas was schon längst hätte geschehen müssen. Wie betäubt trage ich das Kind zum Auto und wir fahren wieder. Auf der Fahrt wird mir ganz schlecht, all die Erkenntnisse und Pläne… und nun das. Was soll man machen?

“Nee, das machen wir nicht!” kommt eine Nachricht von meiner Ju. Ein Stein fällt mir vom Herzen, stimmt ja! Ich bin doch nicht so weit gekommen um mir dann von einem Huhn sagen zu lassen wie viel ich arbeiten muss. Das hatte ich kurz vergessen…

Als wir wieder zurück sind rufe ich direkt noch einmal an und teile mit, dass ich nur mit einer vollen Stelle zu haben bin. Dann versuche ich gute 10 Minuten lang, das ewig im Kreis lamentierende und jeder konkreten Frage nach Zuständigkeiten ausweichende Huhn zu einer diesbezüglichen festen Aussage zu bewegen. Es windet sich und palavert als ginge es um sein Leben, doch ich gewinne schließlich als es mir langsam zu viel wird: “Ich habe verstanden, dass Sie denken eine Reduzierung ist nicht möglich und dem NIEMALS zustimmen würden. Aber wer ist denn nun befugt diese Entscheidung zu treffen?” “ähm das…” “WER ENTSCHEIDET DAS? SIE?” “Nein…, also im Prinzip… ist das der Chef.” “Alles klar, danke, dann würde ich den gerne mal sprechen.”

“Der ist nicht da.”, “Der ist im Gespräch.”… “Rufen Sie doch später nochmal an.”

Etwa 2 Wochen telefoniere ich diesem Chef hinterher. Zunächst, weil ich wissen möchte, ob er das genauso sieht oder ob sich das Huhn im Machtrausch nur zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Nach einigen Tagen bin ich ernsthaft angepisst und es geht zunehmend darum, diesen sehr unprofessionell da unerreichbaren Typen von Chef dazu zu nötigen eine Aussage zu tätigen und ihm anschließend mal die Meinung zu geigen. Doch er bleibt unerreichbar. Ich gebe nicht auf, das geht ja so nicht, mehrmals am Tag rufe ich an.

Parallel suche ich nach neuen Arbeitsstellen, wenn das schon so losgeht… immerhin wollte ich mir eine Arbeit mit einem anständigen Chef suchen. Außerdem erkundige ich mich an höherer Stelle über die Fakten und erfahre, dass die Aussagen des Huhnes totaler Bullshit sind und wohl die Ergebnisse irgendeines drogenindizierten Fiebertraumes. “Nee Frau Schaaf, also das muss ich ihnen in aller Deutlichkeit sagen, die getätigten Aussagen sind falsch.” Hah, wusste ichs doch. Das erklärt immerhin warum sich der Chef verleugnen lässt, eine solche Falschaussage kann er sich nicht leisten. Also jetzt erst recht liebe Freunde, so kommt der mir nicht davon. Darüber hinaus erfahre ich übrigens auch, dass es wohl tatsächlich die Möglichkeit gibt die Stelle nach meinen Vorstellungen und auch ohne Zustimmung des Chefs anzutreten. Aber nein Danke, da arbeite ich lieber im Lager von Engelbert Strauß!

Dann erreiche ich ihn… fast. Denn die Sekretärin, die es wohl auch langsam leid ist ihren Chef zu verleugnen, stellt mich einfach zu dem Huhn durch. Das monologisiert wie eh und je vor sich hin und ich breche seine Endlosschleife ab, indem ich ihn darüber informiere, wie die Sachlage tatsächlich aussieht und ihm viel Glück bei der weiteren Suche wünsche. Später erfahre ich übrigens, dass die das ständig so machen. Puh, ich komme mir vor als sei ich dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen!

Dann habe ich einen besseren Arbeitsplatz gefunden.

Bereits am Telefon frage ich nach einer Stundenreduzierung. Ich weiß zwar nun, dass ich ein Recht darauf habe, dennoch habe ich keine Lust unter einem Chef zu Arbeiten, der das doof findet. “Ist ja ihre Sache, wie viel sie arbeiten. Ich find das gut…” sagt er und wir machen einen Termin. Er nimmt sich Zeit, stellt und beantwortet Fragen und ich spüre das es hier richtig ist. Es ist viel kleiner und etwas ganz neues mit der Möglichkeit mal in unterschiedliche Bereiche hineinzuschnuppern. Ich finds gut.

Und wenn ich jetzt an den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben denke, bekomme ich keine Bauchschmerzen mehr sondern bin neugierig.

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Rechtlicher Ausschluss

Ich möchte hier niemanden diffamieren oder beleidigen, daher bitte ich den Zentralrat der Tiere des Bauernhofes, alle Arten von Federvieh und im Speziellen natürlich alle Hühner, die hier völlig willkürlich gewählten Bezeichnungen nicht persönlich zu nehmen oder als diffamierend wahrzunehmen. Ich habe größten Respekt vor Hühnern und den Leistungen, die sie täglich erbringen.

 

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