ein schaaf im wendland

Kaum zu glauben aber ich kannte das Wendland ja gar nicht. Nachdem ich wiederholt gehört habe das es dort ganz wundertoll und außerdem anscheinen genau das Richtige für mich sei hab ich das dann mal im Internet angeschaut. Und tatsächlich, es scheint dort alles voller Regenbögen und Einhörner zu sein, wie konnte das bisher an mir vorbeigehen? Und bin ich eigentlich die Einzige, die noch nie bei der kulturellen Landpartie war?

Über Nacht beschloss ich das dieses wunderbare Land der Hippies und Künstler, der Kommunen und Runddörfer, der Bauern und Individualisten mein neues zu Hause werden soll. Ganz klar war das, da gab es nix mehr dran zu rütteln! Schau es dir doch erstmal an… so ein Quatsch das ist ja schon beschlossen! Außerdem war allgemein bekannt das es dort lauter tolle Bauernhöfe für 5 Euro zu kaufen gibt. Nebenbei ein paar Telefonate und an der Job-Front schien schon alles geritzt, jetzt nur noch ne Wohnung und dann bring ich da schon mal meinen ganzen Kram hin – mua!

Dann kommt die erste Enttäuschung, nix da an der Wohnungsfront, nix Bauernhof, nix WG… doch halt, da ist eine, die eine WG im Wendland die ein Zimmer frei hat – hah! – na das reicht doch ;-). Nach einem kurzen Telefonat und einer Stunde rumrotieren stürze ich mich ins Auto und brause Richtung Wendland um mir des Nächtens nach 7 Stunden fahrt das WG-Zimmer anzuschauen. Die WG ist total klasse, liebe und interessante Leute, ein tolles Haus… nur das Zimmer ein bisschen klein für meinen Kram… das will ich aber noch nicht einsehen und so überlegen wir hin und her wie man das lösen könnte. Es wird ein schöner Abend und erfahre aus erster Hand einiges über das Wendland. So viele Bauernhöfe und Wohnungen gibt es da nämlich gar nicht mehr, die sind schon alle weg, die Biobauern sind auch nicht grad in der Überzahl und in eine größere Stadt ist es generell eine Weltreise……

Die Nacht ist sehr kalt und am nächsten Morgen erwartet mich ein kalter, matschiger und regnerischer Tag. Noch hab ich nicht aufgegeben und überlege wie man Möbel und Kartons stapeln könnte um das Zimmer doch passend zu machen, aber irgendwie…

Ich mache mich auf um die “Zuflucht” zu besuchen, ein toller Ort an dem sich Geflüchtete treffen können und Unterstützung für den deutschen Bürokratiejungel erfahren. Dort arbeitet meine potentielle Mitbewohnerin ehrenamtlich, es sind eigentlich nur 10 Minuten, eigentlich…

Das Navi schickt mich eine Straße entlang die irgendwie keine mehr ist, ich wende und tadaaaaaaaaaaaaaaaa: stecke fest. Damn. Na ja das schaff ich schon, ambitioniert laufe ich über das moorähnliche Feld und ziehe alte Maispflanzen aus dem Matsch, ich durchsuche den ganzen Bus nach verwertbaren Materialien und opfere einen Stuhl der es sowieso bald hinter sich hat, nix. Ich laufe zur Straße und rupfe stöhnend Teile von einem umgestürzten Baum die ich dann hinter mir herziehend zum Auto bringe. Ich fühle mich wie Robinson Crusoe. Alles was ich finde stopfe ich unter die Reifen, den schlick versuche ich mit den Händen umzuschichten, immer wieder probiere ich rauszukommen, doch nichts klappt.

Etwa 2 Stunden später stehe ich schlammbeschmiert, zerzaust und durchgeschwitzt an der Straße und winke, manche winken zurück, viele fahren weiter, manche halten sogar an, aber sie haben kleine Autos und kein Abschleppseil. Die ganzen Bagger und Transporter würdigen mich keines Blickes, also jetzt könnte wirklich mal so ein Einhorn vorbeikommen!

Heulend laufe ich los Richtung irgendein Industriegebiet, das Wendland finde ich jetzt doof. Bei der Biogasanlage Lüchow treffe ich einen Mann der mich mitleidig anschaut und mir Mut macht, ich soll im Büro fragen und dann wird schon alles gut. So ist es auch, sofort bringt mich ein freundlicher Herr zum diensthabenden Baggerfahrer und der verspricht ein Seil zu besorgen und mir zu helfen. Ich gehe vor und bin schon wieder super drauf, weil es ja auch soooo viele tolle, nette, hilfsbereite Leute auf der Welt gibt. Das Wendland hat trotzdem verschissen, hier gibt es keine Regenbogen und Einhörner, nur Matsch und Regen, alles ist grau.

Mein Retter errettet mich kurz darauf und ich falle dem verdatterten Mann um den Hals. Puh, geschafft. Entkräftet erfahre ich kurz darauf Zuflucht in der Zuflucht, bekomme einen Kaffee und wärme mich in netter Gesellschaft auf. Die Sonne kommt raus und nach einem Döner bin ich schon wieder ganz versöhnlich, ist ja schon ganz nett dieses Wendland. Ich fahre zu einem der zwei Bauernhöfe aus dem Landvergnügen, man ist überrascht über den spätherbstlichen Besuch. Wahrscheinlich wissen alle anderen das die Regenbogen und Einhörner erst zur kulturellen Landpartie wieder aus ihren Löchern gekrochen kommen. Alle sind unglaublich freundlich und ich bekomme eine Karte vom Wendland auf der die großen Kommunen markiert werden, dort könnte ich mal vorbeifahren, da sind die Infos. Ich bewundere den wunderschönen Bauernhof. Hier wäre es schön zu leben! Kurz erkläre ich meine Pläne und  dabei fällt mir auf wie bescheuert sich das anhört…

Den Abend verbringe ich im Bus und schmolle, hrrrrr alles doof.  Ich fühle mich grad gar nicht danach spontan bei irgendwelchen Kommunen zu klingeln, vor allem nicht nachdem mir aufgefallen ist das ich wohl das personifizierte Antikonzept zu dem, was Kommunen bestimmt für Mitbewohner suchen darstelle. Ich meine, jetzt mal echt:

“Hallo, ich bin ein Schaaf und suche ein Örtchen für den Winter, spontan habe ich mir überlegt ins Wendland zu ziehen, falls ihr ein freies Zimmer und vielleicht noch Platz in der Scheune habt könnte ich nächste Woche mit dem Umzugswagen kommen. Über den Winter wäre ich dann zeitweise mal da, weiss ich aber noch nicht so genau, jedenfalls bin ich spätestens im März dann wieder auf Tour und komme dann erst im Sommer wieder, na ja zumindest wenn das mit dem Job hier geklappt hat, ansonsten ziehe ich vielleicht auch direkt wieder aus…äääh…”

Alter das geht gar nicht, am nächsten Morgen wache ich desillusioniert wieder auf und nein, ich will nicht trotzdem mal bei den Kommunen vorbeifahren, schon gar nicht mit der miesen Laune, der Chris-Wendland-Experte ruft auch nicht zurück und ich hab die Schnauze voll und fahre wieder. Alles dooooohooooooooooof.

Abends sitze ich an Jule gekuschelt mit einem Glas Wein auf dem Sofa und wir machen neue Pläne.

Auf die kulturelle Landpartie fahren wir nächstes Jahr zusammen, ich freu mich schon auf die Regenbogen und Einhörner :-).

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