heilige scheisse

Am 7. Juni war hier der letzte Eintrag… ich weiß noch wie ich mir bei sengender Sonne im Schatten einen abgeschwitzt habe und nu is offiziell Winter und nicht der kleinste Artikel hat sich trotz großer Vorsätze in diesen Blog verirrt. Begründet werden kann dies aber recht einfach, da eine unendliche Flut von Anforderungen und Aufgaben, die mit der Organisation eines neuen Lebens und dem Wiedereinstieg in das Arbeitsleben so einhergehen, bewältigt werden mussten. Jaaajaaaaa, das Ausbruchsschaaf ist seinem Motto treu geblieben und hat sich wagemutig in ein neues Leben gestürzt.

Dieses Ausbruchsschaaf wieder, der alte Schlawiner… das bin ich… höhö, verrückt… also so richtigrichtig raff ich das alles eigentlich immer noch nicht! Ja, ich finde die Kaltschnäuzigkeit, mit der ich seit dem Entschluss diese Reise zu bestreiten völlig angstbefreit die krassesten lebenaufdenkopfstellenden Entscheidungen treffe, öhm… ich suche seit 5 Minuten nach dem richtigen Wort… unglaublich …unglaubwürdig? …verstörend… verwirrend… verrückt… gediegen… begrüßenswert… alles auf einmal. Das denke ich zumindest, denn gefühlstechnisch bin ich ja kaltschnäuzig, nach wie vor.

Naja nu, jetzt sitze ich jedenfalls in meiner Küche auf dem Sofa und eine Hühnersuppe köchelt auf dem Herd vor sich hin. Von hier aus kann ich in meinen Garten schauen. Die Küche ist in meiner Wohnung, die sich in einem 1.600-Einwohner-Kaff befindet und zwar am Arsch der Heide. Da wohne und arbeite ich jetzt.

Also vor gut 2 Jahren… da wäre das alles undenkbar gewesen. So richtig undenkbarst (hehe, gutes neues Wort)! Auf ewig wollte ich bleiben wo ich war…

Ganz logisch hergeleitet war das die sinnvollste Variante. Immerhin war ich zu Hause. Ich war geliebten Menschen nah, die immer für mich da sind… ohne Frage das wichtigste im Leben. Hach ja und die wundertollste WG der ganzen Welt. Mein Arbeitsplatz schien ebenso die bestmögliche Variante. Sicher, kritischen Gedanken über den Umgang mit Menschen, Führungskompetenzen und Negativspiralen erzeugenden Strukturen konnte ich mich zwar nicht erwehren, aber meinen treuen Glauben an das Gute im Menschen und einem überall vorhandenen Entwicklungspotential konnte das nicht trüben. Außerdem schien es ja auch in jedem Fall besser als überall anders zu sein, das haben alle gesagt!

Irgendwann ist mir dann zunehmend aufgefallen, das mein Leben irgendwie weitestgehend aus Arbeit besteht. All die wilden Wochenendfahrten um die mittlerweile weit verstreuten Freunde und die Familie zu besuchen und die gemeinsamen Trips wichen einer Wochenendgestaltung zwischen Arbeit und Haushalt. Schließlich wurden sogar die nahen Sozialkontakte immer weiter eingeschränkt, weil ja jeder immer so viel zu tun hat. Hatten wir ja auch. Das war halt so und man muss halt versuchen das besser zu machen und außerdem ist ja mein Job Passion und deshalb fand ich es total toll mir am Wochenende die Nächte um die Ohren zu schlagen.

Trotzdem konnte ich mich den, meinem mir angeborenen kritisch-analytisch-philosophischen Geist entspringenden, immer lauter werdenden Stimmen die da irgendwas von wegen unakzeptabler und langfristig keinen Sinn ergebender Lebensführung und Schwerpunktsetzung schwafelten auf Dauer nicht erwehren. Ich meine echt mal, das Leben ist ja wohl zum Spaß haben da. Ich meine… im schlimmsten Fall haben wir nur eins… da sollten wir es doch freudig dem Glück hinterherjagend verbringen, ob alleine oder gemeinsam. Bloß sich mit irgendeiner mittelmäßigen arg zurechtgebogenen Zufriedenheit im Rahmen einer unbefriedigenden Lebensführung abzugeben… das ist doch Schwachsinn. Und die ganze Verantwortung? Die wieder… die wichtigste Verantwortung die wir uns und den Menschen, die uns Lieben gegenüber tragen ist doch die fröhlich zu sein. Und dafür müssen wir unser Leben schön gestalten. Ja ja, da kann man noch 100 eigene Artikel zu verfassen… Bei mir ging es zunächst einfach nur um eine aktive und zur Abwechslung mal arbeitsferne Gestaltung meines Privatlebens.

Dann ist Appa zu mir gekommen.

Ein Jahr später war ich so gestresst, dass ich mitten im Herbst einfach ganz alleine mit Appa an die Mosel gefahren bin. Mein allererstes mal alleine Urlauben (auch ein schönes Wort), im Rahmen dessen freudvolles Entdecken von alleine spazieren gehen, alleine Essen gehen, alleine eine Stadt erkunden… Hah, witziger Weise habe ich an einem Abend einen barfüßigen Mann gesehen und ihn gefragt, ob das denn nicht kalt sei. Er hat gelacht und gesagt er läuft immer so rum und ich fands total cool. Das hatte ich ja total vergessen, der Hammer. Na ja, auf diesem Trip habe ich nicht nur meine Bulli-Freunde Sascha und Gerti kennengelernt sondern auch erfahren, wie wunderschön und entspannend und entschleunigend  und frei es sein kann, alleine und ganz bei sich zu sein und so die Umgebung zu entdecken und wahrzunehmen. Ich war einen ganzen Tag im Buddha-Museum und musste nicht auf die Uhr schauen. Ich saß in einem gemütlichen Restaurant am Kamin und habe ganz herrlichen Fisch mit all meinen Sinnen genossen. Und als die Zeit vorbei war wusste ich, dass ich gerne sehr sehr viel mehr davon haben möchte, dass diese paar Tage nicht reichen! Jedoch ging das ja nicht..

Gefühlt 5 Jahre später (tatsächlich waren es glaube ich nur einige Monate) habe ich bzw big Mama Joe und ich im Rahmen eines feuchtfröhlichen Studentenabends die Erkenntnis gehabt, dass es so wie es ist echt keinen Spaß mehr macht, mein Arbeitsplatz nach Kacke stinkt, ich eigentlich nicht bereit bin unter einer charakter-, rückrad- und kompetenzlosen Führungsebene zu Dienen und es echt nicht klar geht seine komplette Energie in so einen Haufen Scheiße zu stecken. Nette Arbeitskollegen hin oder her. Meine Ju hats übrigens schon immer gewusst. 5 Minuten später war der Entschluss zu einem Jahr unbezahlten Urlaub gefasst und ich habe ihn kein einziges mal in Frage gestellt. Erst wollte ich ja Praktika machen, 6 Monate beim Tischler und 6 Monate beim Autoschrauber, was anständiges lernen. Doch als ich meinen Lieblingsschrauber, den Onkel Fischer, angerufen habe um ihm von meinen Plänen zu erzählen hat er mir eine Rede darüber gehalten, dass ich gefälligst was anständiges mit so einem wundervollen freien Jahr machen soll und nicht arbeiten. Da hatte er recht… na klar, wozu hab ich denn Appa? Noch am gleichen Abend fiel der Entschluss zum Busleben, war ja ziemlich naheliegend eigentlich, dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin… Eine sehr intensive und zeitaufwendige Antrags-, Planungs- und Vorbereitungsphase später gings dann auch schon los. An meinem offiziellen ersten Tag im unbezahlten Urlaub – nur keine Zeit verlieren.

Diese Entscheidung habe ich kein einziges mal bereut oder in Frage gestellt.

Und was ich das Jahr über erlebt habe, das ist ja ausreichend dokumentiert (bzw wird  hoffentlich noch bis zum Jahresende fertig 😉 ). Ich freue mich auch schon darauf, mal ein ausschweifendes Fazit zu schreiben und das ganze aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten… hach es ist immer so vielschichtig alles, ist euch das auch schon mal aufgefallen?

So, jetzt mal irgendwie den Bogen zum Anfang schlagen. Kurz nachgedacht… also, neues Leben und so, kurz “in 5 Sätzen” den Weg zu meiner Busreise und von da bis hier – weil hängt ja zusammen – beschreiben… oje dann hab ich ja jetzt erst 2,5 der 5 Sätze geschafft. Mein Huhn zerfällt gleich, das muss dringend zerrupft werden. Also gut:

…und wie ich da so Reise-Schaaf-mäßig schon einige Zeit unterwegs bin und sich Dinge verändert haben und dann auf einmal alles ganz anders ausschaut so aus der Ferne… da wird viel klar und ich war dann irgendwann auch ganz klar und dann war es ganz klar,

… dass es mal Zeit wird mutig die Nase in den Wind zu halten und zu schauen, wo es schön ist und wo ich Lust drauf habe.

… dass ich aufs Land ziehe, weil ich da Lust drauf habe, weil das noch nie gemacht habe. Und nen Garten haben und im Hofladen einkaufen und auf der Straße Traktoren statt LKWs sehen will.

… dass ich mal alleine wohne, weil ich da Lust drauf habe, weil das noch nie gemacht habe. Und mir ganz alleine ein kuscheliges Zuhause zusammenbauen will, so wie ich es mag und mich da total drauf freue.

… dass ich in eine Stadt gehe wo ich niemanden kenne, weil ich da Lust drauf habe, weil ich das noch nie gemacht habe. Und auf einmal überhaupt keine Angst davor hab, weil ich unabhängig bin und alles alleine schaffe (na ja fast jedenfalls 😉 )

… dass ich aber auch möglichst in eine erreichbare Entfernung zu Menschen, die vorher viel zu weit weg waren ziehen möchte. Weil ich sie sonst so sehr vermisse. Weil ich für sie und ihre Kinder da sein möchte.

Dann hab ich mir eine schöne Region ausgesucht, einen netten Arbeitsplatz gefunden und eine tolle Wohnung.

Das ist schneller geschrieben als getan, es hat viel Zeit und Kraft in Anspruch genommen, damit die drei Dinge am Ende auch zusammenpassen und vollständig sind. Herumfahren, informieren, abchecken, umdisponieren, Entscheidungen treffen, wieder verwerfen… das war schon echt anstrengend und ich bin sehr dankbar, dass ich da Leute hatte, die mir eng zur Seite gestanden und mitgefiebert und in den Arsch getreten und mich mit Wein und Steak gefüttert und über blöde Vermieter und Hühner geflucht und mir Betten und Sofas und Liebe und Mut gegeben haben…

So, und nu bin ich hier. Und hab alles richtig gemacht. Und Angst brauche ich keine haben, denn wenn es mir irgendwann nicht mehr gefällt… dann kann mich niemand zwingen hierzubleiben. Ich bin jetzt zu groß um ein Leben zu leben was keinen Spaß macht oder in dem ich nicht meinem Glück hinterherjage, so ich es denn blitzen sehe am Horizont.

So isses doch, man muss schon das Beste machen aus den Brotkrumen, die einem das Leben so vorsetzt und immer wegducken vor den angekrusteten Kackbällchen mit denen es uns bewirft und immer Ausschau halten nach der goldenen Spur und wenn man die mal entdeckt – Rucksack schnappen und hinterherjagen!

Amen

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