sonntag, die FLOW, alleinseinkönnen & gute ratschläge

Es ist Sonntag, 05:48 Uhr. Ich bin gestern schon früh auf dem Sofa eingeschlafen und daraufhin in aller Frühe erwacht – fit wie ein Turnschuh. Etwas überfordert war ich davon, was soll man denn so früh machen, es ist dunkel und der Tag hat ja noch nicht mal angefangen.

Kurz darauf sitze ich mit einem Kaffee auf meinem Sofa und überlege, wie ich mir denn mal die Zeit vertreiben könnte. Produktiv sein, danach ist mir gar nicht. Schade eigentlich, wäre doch witzig Sonntag morgens bereits das Bad geputzt und endlich die Gardinen gekürzt zu haben… oder total gaga. Ich schaue aus dem Fenster in die Dunkelheit, dann den Buddha, der neben mir chillt. Er sitzt auf meinem neusten Regal, ich streiche über die abgerundete Ecke, sie ist ganz rauh, da hätte ich noch mal 2 Minuten schleifen können… eldende Fuddelei… aber hey, dafür war es in unter zwei Stunden fertig :-). Mein Blick bleibt an der FLOW hängen, die da so aufreizend von mir im Regal drapiert wurde. Das mach ich ganz gerne, FLOWS bereitlegen hier und da, damit ich die mal lese. Es ist die erste Zeitschrift die ich mir regelmäßig kaufe, okay außer der „Selbst ist der Mann“ und einer grotesken Phase während der Examenszeit in der ich – Asche über mein Haupt – tatsächlich die „InTouch“ gelesen, äh, angeschaut habe (die Junior hats auch gemacht!). Eine super Sache jedenfalls, die FLOW. Man kann sie einfach so durchlesen, immer sind Themen dabei, die mich ohnehin beschäftigen und die Artikel regen wie ich finde zum Weiter- und Nachdenken an. Dafür entfällt der ganze Krempel wie Werbung, Mode, Tratsch und Beautytipps. Allerdings kaufe ich sie regelmäßiger, als ich sie lese. Dieses Lesen, warum kann ich das nicht mal wieder etablieren? Es ist doch so schön zu lesen… es dauert noch kurz, dann fällt mir auf das der Moment gekommen ist.

Wann, wenn nicht jetzt?

Der Wahnsinn, diese Zeitschrift… seit Beginn der Reise wollte ich etwas über das Alleinsein im Unterschied zur Einsamkeit schreiben, hat mich die Entdeckung des Alleinseins mit all seinen wunderbaren Facetten doch wie ein donnernder Blitzschlag der Erkenntnis getroffen, der mir ungeahnte neue buntglitzernde Welten eröffnet und mir das aufregende Gefühl von wirklicher Freiheit geschenkt hat.

Auch ist es natürlich ein sehr bedeutsames Thema beim alleine Reisen. Doch zurück zur FLOW, kurz und knapp wird das Thema beleuchtet, gehaltvoll wie immer. ich probiere es mal mit einer Technik, die ich im Studium mal gesehen habe, da versucht man durch Zitieren essentieller Stellen eines Textes/Buches den Inhalt zu referieren. Ich probiers mal:

„Zufrieden sein mit sich selbst“

… Kulturwissenschaftlerin Franziska Musi sagt, wir leben alle in einem Spannungsfeld: „Auf der einen Seite wünschen wir uns eine Familie, einen Partner oder gute Freunde, kurzum: das Verbundensein mit dem Leben und mit lieben Menschen. Andererseits brauchen wir auch Zeit, in der wir autonom sind.“ … so können wir uns besser kennenlernen und weiterentwickeln … nicht nur Freiheit von etwas, sondern auch Freiheit für etwas… Balance finden… sonst wird aus Alleinsein Einsamkeit oder aus Beisammensein eine Dauerablenkung…

…Soziologin Jenny Gierveld hat sich auch damit beschäftigt… Wer einsam ist, ist es nicht aus freiem Willen… man hat weniger Sozialkontakte als man sich wünscht (soziale Einsamkeit) oder die Kontakte die man hat sind nicht so gut, wie man sich wünscht (emotionale Einsamkeit)… Schutz vor Einsamkeit bietet ein „Konvoi“… Kreis von verlässlichen Sozialkontakten, die wir pflegen sollten…

… lockere Familienbande, 100.000 Freunde auf Facebook… auch junge Menschen fühlen sich vermehrt einsam … sind so beschäftigt ihr Leben zu optimieren, dass soziale Kontakte auf der Strecke bleiben… Psychologen empfehlen das Alleinsein bewusst zu üben, um Einsamkeitsgefühlen vorzubeugen…

…Psychologe Magnin hats ausprobiert… Stille eröffnet Räume… „radikal an sich zu denken, für sich Sorge zu tragen, sich Fragen über sich zu stellen, zu spüren, was in einem „pulsiert“, und über den Wert der Dinge nachzusinnen.“ … Alleinsein als Hilfsmittel „um eine reifere Persönlichkeit zu werden, die gute soziale und emotionale Kontakte pflegen kann“ … wer sich mit sich selbst wohl fühlt kommt auch mit anderen besser klar… „Einsamkeit ist die unangenehme Seite des Alleinseins“ (Svendsen: „Philosophie der Einsamkeit“)

Die Autorinnen berichten auch von eigenen Erlebnissen, zum Beispiel der Angewohnheit, in der Jugend aus dem Fenster zu schauen und über sich und das Leben nachzudenken oder das miese Gefühl, wenn man allein in einem Restaurant sitzt und sich sicher ist, alle starren einen an und denken man hat niemanden…

Meine Lieblingsstellen des Artikels:

Und dann braucht man ja auch noch Zeit, um nur dazusitzen und vor sich hin zu starren.“

Astrid Lindgren

[…] Dabei reicht mir die Natur eigentlich als Gegenüber, ich bin allein, aber nicht einsam in der Gesellschaft von Bäumen. Eher fühle ich mich geborgen und doch frei. Ich erlebe Alleinsein dann so, wie ich es schätze: als einen weiten, offenen und warmen Raum, in dem ich mich ausruhen darf.“

Christiane Würtenberger; Caroline Buijs

Geschrieben wurde der Artikel von Christiane Würtenberger und Caroline Buijs in der FLOW Nr. 37. Für mich bringen sie vieles Auf den Punkt, worüber ich unendlich lange schwafeln könnte. Ich habe soeben beschlossen, mich dem Impuls den Artikel ausführlich zu beleuchten und zu erklären, mit eigenen Beispielen auszuschmücken… nicht hinzugeben! Es ist ja auch nichts, was man noch nie gehört hätte. Die meisten Menschen sind sich bewusst darüber, dass sie Angst vorm Alleinsein haben und sich dies in Abhängigkeiten äußert, wie zum Beispiel dem Fortführen schlechter Beziehungen oder der eingeschränkten Möglichkeit Hobbys nachzugehen, wenn ein Partner fehlt.

Außer… eine Episode möchte ich doch hinzufügen :-).

Der Bombenanschlag

Eines schönen Sommertages saß ich mit einem Freund in der Sonne auf einem Steg. Ich, frisch aufs Land gezogen, er, aus der Großstadt, fernab von Familie und Freunden, geflüchtet. Wir unterhielten uns über die Vorzüge des Landlebens. Er erzählte, dass er auch davon Träume aufs Land zu ziehen und es langsam Zeit würde seine Pläne anzugehen, da ohnehin ein Ortswechsel zwecks größerer Nähe zu Familie und Freunden anstünde. Hah, das ist ja genau meine Geschichte, dachte ich und freute mich ihm mit meiner Entscheidung vielleicht ein bisschen Mut zu machen und ihn zu motivieren, diesen Schritt ins Ungewisse zu wagen. Das ist es doch auch was ich am allerliebsten erreichen möchte mit meiner Schreiberei – Anregen zum Nachdenken, Mut machen die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, Motivieren diesen Erkenntnissen Taten folgen zu lassen und mutig seinem Glück hinterherzujagen. Hach das wär so schön…

Im weiteren Verlauf des Gespräches erzählte mein Freund, dass er sich in der neuen Heimat oft einsam fühle, auch da sein soziales Umfeld einer steigenden Abwanderungsrate zum Opfer fiele. Dies sei auch der Grund, warum er seit Jahren nicht mehr schwimmen gegangen sei… dabei schwimme er doch so gern. Wie furchtbar!

Zum Glück hatte ich ja DIE Lösung parat: Dann musst du halt alleine an den See fahren. Häh? Ich bin doch nicht bescheuert, sowas mache ich nicht, entgegnete er barsch. Jetzt warte doch mal, stieß ich aufgeregt hervor und setzte zu einer impulsiven Rede über die unendliche Freiheit, die einem durch die Kunst des Alleinseinkönnens zur Verfügung steht und die Unabhängigkeit, die es einem ermöglicht schöne Dinge nicht nur in Abhängigkeit von anderen zu tun, an. So gerne wollte ich ihm Mut machen, die schöne neue Welt die ich ja selber jüngst erst entdeckt hatte zu betreten und erforschen, doch er wollte nichts davon hören. Neinneinnein, kenn ich nicht, kann ich nicht, will ich nicht, da bin ich nicht der Typ für, das ist nicht mein Ding. Da kann ich ja gleich alleine essen gehen. Das ist doch erbärmlich. Du bist da halt anders, lass mich in Ruhe.

Richtig wütend wurde er.

Aberaber, neeeeein das war doch bei mir genauso, ich bin da doch eigentlich auch nicht der Typ für…

Doch der Vorhang war gefallen, er hatte bereits dicht gemacht und meine verzweifelten Versuche ihm mit Händen und Füßen klar zu machen, dass dies keine Typfrage ist sondern eine Fähigkeit, die man erlernen kann kamen nicht mehr an.

Er hörte nicht mehr, dass ich ihn total verstehen kann und dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit ganz genauso gedacht habe. Dass wenn ich das geschafft habe, es doch auf jeden Fall jeder schaffen kann, dass man es ja wenigstens mal ausprobieren oder zumindest darüber nachdenken könnte. Dass es unsichtbare Fesseln sind die wir abstreifen können. Dass es normal ist Angst zu haben und wunderbar diese zu bewältigen.

Traurig brach ich meine Ausführungen ab als mir bewusst wurde, dass er sich in sein Schneckenhaus verzogen hatte und für ihn alles was ich sagte nur ein blabla-Hintergrundrauschen darstellte, während er damit beschäftigt war das Chaos was ich mit meinem Bombenwurf angerichtet habe wieder zu richten. Och meno.

Ja, so war das. Ich mache mir wirklich Sorgen, dass ich ihn am End noch dazu motiviert habe alleine aufs Land zu ziehen, was mit einer solchen Einstellung ja nur nach hinten losgehen kann. Ich stelle mir vor wie er da in seiner neuen Wohnung sozial isoliert am Arsch der Welt sitzt und unendlich einsam sein muss. Umgeben von Seen, an die er alleine nicht fahren möchte. Und dann bin ich auch noch schuld daran, weil ich so eine Werbung gemacht habe. Uiuiuiuiui.

Janz gefährliches Pflaster das, ich wundere mich immer wieder, wie schnell man Leute mit solchen Themen in die Ecke drängen kann. Für mich ist es eine Erzählung, eine Idee, eine Erkenntnis die ich teilen möchte, doch an falscher Stelle angebracht ist es für andere ein Angriff auf ihre Basis, die sie mit allen Mitteln schützen müssen.

Dabei kenne ich das doch selber gut. Man kann halt nur Impulse geben und hilfreich in Erscheinung treten bzw. sowas Annehmen, wenn das richtige Fenster grad offen steht… wenn ich überlege wie wütend ich auf die ersten Impulse, doch meiner alten Arbeitsstätte oder dem alten Wohnort den Rücken zuzukehren reagiert habe. Wütend habe ich jedem der es gewagt hat solch eine Unmöglichkeit als Option oder gar Rat anzuführen erklärt, warum das auf keinen Fall möglich ist. Zum Glück haben meine Freunde nicht aufgegeben… und selbst als ich zu meiner Reise aufgebrochen bin wäre ich trotz aller Furchtlosigkeit mein Jahr betreffend ums Verrecken nicht auf die Idee gekommen alleine irgendwo hin zu ziehen! Is ja auch total irre…

One thought on “sonntag, die FLOW, alleinseinkönnen & gute ratschläge

  1. nachtrag:

    So ganz hat mich das Thema nicht losgelassen und mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass es eine totale Fehlentscheidung war, die Schwafelei über das schöne Alleinsein weglassen zu wollen. Jawoll. Davon abgesehen, dass Schwafelei ja eine zentrale Stellung in diesem Blogs einnimmt ist dieses Thema sowas von grundlegend und wichtig für die Reise, meine Entwicklung und alle meine Entscheidungen – und nebenbei auch für die Suche nach dem großen Glück generell – dass da auf jedenfall (demnächst… irgendwann) nochmal was geschrieben werden muss!

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